Manchmal stolpert man über einen Bibelvers und denkt spontan: „Ja, schön. Aber wie soll man das denn machen, wenn es einem gerade nicht so gut geht?“
So ging es mir bei diesem Vers: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht hat. Lasst uns jubeln und fröhlich sein.“
Jubeln? Fröhlich sein? Wenn das Leben gerade leicht ist, klingt dieser Satz wunderschön. Aber was ist, wenn man erschöpft ist? Wenn Sorgen den Kopf füllen? Wenn Krankheit einem das Leben schwer macht? Wenn eine Beziehung zerbrochen ist, man vielleicht um einen verstorbenen Menschen trauert oder einfach nicht weiß, wie man den nächsten Tag schaffen soll?
Muss man dann trotzdem fröhlich sein? Ich glaube: Nein. Zumindest nicht in dem Sinne, wie wir „fröhlich sein“ heute oft verstehen.
Psalm 118 ist nämlich gar kein Psalm, der so klingt, als hätte der Verfasser niemals schwierige Zeiten erlebt. Im Gegenteil. Schon wenige Verse vorher heißt es: „Aus der Bedrängnis rief ich zum HERRN; der HERR antwortete mir und schuf mir Raum.“ (Psalm 118,5)
Da ist jemand, der Bedrängnis kennt. Jemand, der Gott um Hilfe gerufen hat. Und später heißt es sogar: „Man stieß mich hart, dass ich fallen sollte; aber der HERR half mir.“ (Psalm 118,13)
Das ist kein Leben ohne Schwierigkeiten. Der Psalm sagt nicht: „Es gibt nichts Schlimmes.“ Er sagt vielmehr: „Mitten in all dem ist Gott da.“ Und genau deshalb kann Psalm 118,24 auch für einen schweren Tag ein tröstlicher Vers sein.
Vielleicht bedeutet „freuen“ heute etwas ganz anderes
Wenn es uns schlecht geht, denken wir bei Freude vielleicht an Lachen, Leichtigkeit, gute Laune und unbeschwerte Stunden. Aber vielleicht muss Freude nicht immer so aussehen. Vielleicht kann Freude an einem schweren Tag auch bedeuten:
Ich habe eine Tasse meines Lieblingstees getrunken.
Ich habe es geschafft, aufzustehen und anzufangen, obwohl mir alles zu viel war.
Jemand hat mir eine nette Nachricht geschrieben.
Die Sonne ist für einen Moment durch die Wolken gekommen.
Ich habe zehn Minuten Ruhe gehabt.
Ich konnte weinen.
Ich habe gebetet, obwohl mir keine großen Worte eingefallen sind.
Ich habe gemerkt: Ich muss diesen Tag nicht alleine tragen.
Das sind vielleicht keine spektakulären Gründe zum Jubeln. Aber manchmal sind es genau diese kleinen Dinge, durch die ein schwerer Tag ein wenig heller wird.
Nicht jeder Tag fühlt sich wie ein guter Tag an
Tage, an denen man traurig ist.
Tage, an denen man Angst hat.
Tage, an denen man erschöpft ist und am liebsten einfach nur liegen bleiben möchte.
Tage, an denen man Gott vielleicht sogar fragt: „Wo bist du eigentlich?“
Die Bibel kennt solche Tage. Die Psalmen sind voller Klage, Angst, Einsamkeit und Verzweiflung. Menschen schreien zu Gott, weinen vor ihm und fragen, warum er so weit entfernt scheint. Gott verlangt von uns also nicht, dass wir unsere Gefühle vor ihm verstecken. Wir dürfen traurig sein. Wir dürfen erschöpft sein. Wir dürfen Angst haben.
Wir dürfen sogar mit Gott darüber sprechen, dass wir gerade überhaupt keine Freude empfinden. Das ist kein Versagen im Glauben.
Dieser konkrete Sonntag.
Dieser schwierige Montag.
Dieser Tag mit den Sorgen.
Dieser Tag, an dem ich mich nicht besonders stark fühle.
Und auch dieser Tag steht nicht außerhalb von Gottes Gegenwart.
Das bedeutet nicht, dass Gott jedes Leid verursacht oder dass wir alles, was geschieht, einfach gutheißen müssen. Es bedeutet: Auch dieser Tag darf Gott anvertraut werden.
Manchmal machen wir uns selbst zusätzlichen Druck. Wir lesen: „Lasst uns freuen und fröhlich sein!“ und denken: „Dann muss ich jetzt wohl positiv denken.“ Aber vielleicht müssen wir gar nichts erzwingen. Vielleicht darf die Freude ganz klein anfangen. Mit einem Gedanken wie: „Gott, ich verstehe diesen Tag gerade nicht. Aber ich möchte ihn dir anvertrauen.“ Oder: „Gott, mir geht es heute nicht gut. Aber danke, dass du trotzdem da bist.“ Oder sogar nur, wenn du zweifelst: „Gott, wenn es dich wirklich gibt, hilf mir durch diesen Tag.“ Vielleicht ist das für heute genug. Morgen kann wieder etwas anderes möglich sein.
Dankbarkeit bedeutet nicht, das Leid kleinzureden
Auch Dankbarkeit kann missverstanden werden. Dankbar zu sein bedeutet nicht: „Andere haben es schlimmer, deshalb darf ich mich nicht schlecht fühlen.“ Es bedeutet auch nicht: „Eigentlich ist alles wunderbar, ich muss nur positiv genug denken.“ Die Bibel kennt etwas anderes. Wir können gleichzeitig traurig und dankbar sein. Wir können weinen und trotzdem wissen, dass Gott uns nicht verlassen hat. Wir können mit einer Situation unzufrieden sein und trotzdem für einen Menschen dankbar sein. Wir können Angst vor morgen haben und trotzdem heute einen kleinen schönen Moment wahrnehmen. Das eine nimmt dem anderen nichts weg. Vielleicht ist das sogar eine der ehrlichsten Formen von Dankbarkeit: Ich leugne mein Leid nicht – und trotzdem suche ich nach dem Guten, das heute da ist.
Was wäre heute ein kleiner Grund zur Freude?
Ein Spaziergang.
Ein vertrautes Lied.
Ein Gespräch mit einem lieben Menschen.
Ein Sonnenstrahl auf dem Fensterbrett.
Ein Kind, das dich zum Lachen bringt.
Ein paar Minuten, in denen niemand etwas von dir möchte.
Eine warme Mahlzeit.
Ein Gebet.
Oder einfach die Erkenntnis:
Ich muss heute nicht mein ganzes Leben lösen. Ich darf erst einmal diesen einen Tag leben.
„Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat.“
Nicht gestern.
Nicht morgen.
Heute.
Vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieses Verses. Wir Menschen leben so oft zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wir denken über das nach, was gewesen ist. Wir sorgen uns um das, was kommen könnte. Und dabei verpassen wir manchmal den einzigen Tag, den wir tatsächlich in den Händen halten: diesen hier.
Vielleicht lädt er uns dazu ein, diesen Tag nicht aufzugeben.
Ihn Gott hinzulegen.
Mit allem, was dazugehört.
Mit der Freude.
Mit der Traurigkeit.
Mit den offenen Fragen.
Mit der Müdigkeit.
Mit den kleinen schönen Momenten.
Und vielleicht dürfen wir dann entdecken, dass Freude manchmal nicht wie ein großes Feuerwerk aussieht.
Manchmal ist sie nur ein kleines Licht.
Ein stilles: „Danke, Gott, dass du heute bei mir bist.“ Und manchmal ist genau das genug für heute.
Was ist heute trotz allem da?
Was darfst du heute genießen?
Wofür kannst du Gott danken?
Und was möchtest du ihm heute einfach überlassen?
Vielleicht musst du heute nicht fröhlich sein.
Vielleicht darfst du einfach mit Gott durch diesen Tag gehen.
Und vielleicht wächst daraus irgendwann, ganz leise, wieder ein kleines bisschen Freude. Nicht weil plötzlich alles gut geworden ist, sondern weil du mitten in dem, was schwer ist, entdeckst: Gott ist auch heute da – und es gibt auch kleine Freuden, für die du dankbar sein kannst.

