Neulich stand ich vor einer ganz gewöhnlichen Küchenschublade – nichts Besonderes, kein philosophischer Ort, nur eine Schublade, und doch lag darin eine kleine Offenbarung.
Sie ging nicht immer leicht auf, nicht, weil sie kaputt war, sondern weil ich zu viele große Löffel darin gesammelt hatte – Löffel über Löffel. Ich wollte nur einen einzigen Löffel und bekam Widerstand.
Das Alltägliche, das wir hinnehmen
für Kalender, die überquellen,
für Gedanken, die sich stapeln,
für Verpflichtungen, die wir akzeptieren,
obwohl sie uns längst müde machen.
Das Erstaunliche ist nicht das Zuviel, sondern wie selbstverständlich wir es hinnehmen.
Wir lernen früh, dass „mehr“ sicherer sei – mehr Optionen, mehr Besitz, mehr Pläne.
Und so gewöhnen wir uns an Reibung, an das Klemmen, an das gelegentliche schwer Öffnen der Schublade, weil etwas eigentlich keinen Platz mehr hat.
Einfachheit beginnt nicht mit Verzicht
Ich habe die Löffel nicht aussortiert, kein großes Loslassen, kein symbolischer Akt. Ich dulde seit Monaten, dass sich die Schublade manchmal schwer öffnen lässt. Nicht, weil ich den Löffeln etwas Besonderes zugestehe, sondern weil es einfacher ist, die kleine Reibung zu akzeptieren, als mich mit ihr auseinanderzusetzen. Wir gewöhnen uns an Unannehmlichkeiten, solange sie uns nicht direkt blockieren, und verschieben die Entscheidung, loszulassen, auf später – oft aus Bequemlichkeit, manchmal aus Gewohnheit, manchmal, weil wir glauben: „so geht es auch“.
Einfachheit entsteht oft nicht durch große Entscheidungen, sondern durch kleine Ehrlichkeit: Brauche ich das wirklich – oder dulde ich es nur?
Eine stille Frage
Vielleicht liegt die Einladung zur Einfachheit genau dort, wo wir das Zuviel längst spüren, aber noch nicht benennen, in einer Schublade, in einem Ablauf, in einem Gedanken, den wir immer wieder mit uns tragen.
Nicht alles, was wir gewohnt sind, ist notwendig. Und manchmal reicht es, eine kleine Unannehmlichkeit bewusst zu spüren, damit wir das Wesentliche wieder leichter wahrnehmen.