Freitag, 3. Juli 2026
Mittwoch, 25. März 2026
Donnerstag, 8. Mai 2025
Pinselstriche des Lichts: Wie der Fokus das Bild des Lebens malt
In einem kleinen, verwunschenen Dorf lebte ein Künstler namens Elias. Seine Malerei war bekannt für ihre außergewöhnliche Schönheit, doch er hatte immer ein Problem: Wenn er mit seiner Arbeit unzufrieden war, geriet er schnell in eine Art Blockade. Es war, als ob er in einem Labyrinth feststeckte, unfähig, den richtigen Weg zu finden.
Eines Tages, während Elias auf der Bank seines Gartens saß, betrachtete er die Bäume, die in sanften Wellen im Wind schwankten. Die Sonne tauchte alles in ein goldenes Licht, und die Vögel sangen ihre Lieder. Elias spürte einen tiefen Wunsch, dieses Bild auf Leinwand zu bringen, aber er hatte Angst, dass er es nicht schaffen würde. Was, wenn seine Farben nicht die gleiche Magie einfingen? Was, wenn seine Pinselstriche nicht lebendig genug wären?
Plötzlich trat eine alte Frau an ihn heran, die er schon oft im Dorf gesehen hatte. Sie war bekannt für ihre Weisheit und ihr ruhiges Wesen. „Elias, du trägst eine schwere Last mit dir“, sagte sie sanft. „Warum zögerst du?“
Elias seufzte. „Ich habe Angst, das Bild nicht so zu malen, wie es in meinem Kopf ist. Was, wenn es nicht gut wird? Was, wenn ich wieder versage?“
Die Frau nickte langsam. „Ich verstehe. Aber lass mich dir eine Geschichte erzählen.“ Sie setzte sich neben ihn und begann zu sprechen.
„Stell dir vor, du gehst in einen Wald. Der Weg ist schmal und von dichten Bäumen umgeben. Du weißt, dass am Ende des Waldes ein wunderschöner Lichtstrahl wartet, der den gesamten Wald erleuchtet. Aber der Weg dorthin ist unsicher. Überall sind Äste und Wurzeln, die dir im Weg stehen. Was machst du?“
Elias dachte nach und antwortete dann: „Ich würde vorsichtig gehen und auf den Boden achten, damit ich nicht stolpere.“
Die alte Frau nickte. „Ja, das tust du. Aber was passiert, wenn du dich die ganze Zeit nur auf den Boden konzentrierst, auf die Äste und Wurzeln, die dir im Weg stehen?“
Elias blinzelte und überlegte. „Ich würde wahrscheinlich immer nur auf das schauen, was mich bremst. Ich würde den Lichtstrahl am Ende des Waldes aus den Augen verlieren.“
„Genau“, sagte die Frau mit einem Lächeln. „Aber wenn du deinen Blick nach oben richtest, auf das Licht am Ende des Waldes, dann wirst du den Weg finden. Die Wurzeln und Äste werden immer noch da sein, aber du wirst einen klareren Fokus haben. Deine Schritte werden leichter, und du wirst schneller vorankommen. Du wirst den Wald nicht nur überstehen – du wirst den Lichtstrahl erreichen.“
Elias saß still da, während die Worte der alten Frau in ihm nachhallten. Sie hatte recht. Immer, wenn er sich auf das konzentrierte, was er nicht wollte – die Angst vor dem Versagen, die Unvollkommenheit seiner Werke –, blockierte er sich selbst. Doch wenn er sich auf das konzentrierte, was er wirklich wollte – die Schönheit und die Freude, die seine Kunst ihm brachte –, dann würde der Weg viel klarer vor ihm liegen.
Am nächsten Tag nahm Elias seine Farben und Pinsel in die Hand und begann zu malen. Anstatt sich auf die Fehler zu fixieren, die er machen könnte, stellte er sich vor, wie das Bild aussehen würde, wenn es perfekt war – das goldene Licht der Sonne, das durch die Bäume brach, die sanften Bewegungen der Blätter. Er ließ sich von dieser Vision führen und malte mit einem neuen Vertrauen.
Als er das Bild vollendete, war es mehr als nur eine Darstellung der Natur – es war ein Ausdruck seiner eigenen Reise, seiner Hoffnung und seines Mutes. Elias hatte gelernt, dass der Fokus nicht auf den Hindernissen lag, sondern auf dem Ziel, auf dem Licht, das ihn antrieb. Und so fand er die Freiheit in seiner Kunst und in seinem Leben.
Er hatte die Angst losgelassen und sich auf das konzentriert, was er wirklich wollte. Und genau dorthin führte ihn sein Weg.
Dienstag, 6. Mai 2025
Die Geschichte vom Goldbaum
Der Baum aber stand nicht einfach so da, greifbar und bequem wie ein Apfelbaum am Wegesrand. Nein, der Goldbaum wuchs auf dem höchsten Gipfel des Sturmhorns, eines schroffen Berges, den Wolken oft wie ein Mantel umhüllten. Der Weg dorthin war beschwerlich, durch Dornenwälder, über schwindelerregende Hänge und durch die Wüste der Zweifel.
Viele hatten sich auf den Weg gemacht. Einige gaben auf, als die ersten Dornen ihre Haut ritzten. Andere kehrten um, als der Hunger kam oder das Heimweh. Und wieder andere versuchten, den Berg zu besteigen, ohne die Kraft ihrer Beine – getragen von Wünschen, aber nicht vom Willen.
Eines Tages machte sich ein junger Träumer auf den Weg. Er trug keine glänzende Rüstung, hatte keine Karte in der Hand – nur ein Herz, das wusste, dass es mehr geben musste als das bequeme Leben im Schatten. „Ich will die Frucht des Goldbaums kosten“, sagte er. „Ich will wissen, wozu ich wirklich fähig bin.“
Auf der Reise war nichts, wie er es sich vorgestellt
hatte. Der Wind spottete. Die Nächte waren einsam. Und der Boden
unter seinen Füßen schien oft zu schreien: Kehr
um!
Doch er zahlte den Preis.
Er
verzichtete auf Bequemlichkeit.
Er trug die Stille, die Müdigkeit,
den Zweifel.
Er fiel – und stand wieder auf.
Er schwitzte –
und ging weiter.
Und manchmal, ganz selten, kam ein Vogel und sang
ihm ein Lied ins Ohr – wie eine Erinnerung daran, dass jeder
Schritt zählt.
Am 77. Tag, als seine Hände wund waren und seine Schuhe längst den Dienst quittiert hatten, erreichte er die Lichtung. Der Goldbaum stand da, majestätisch, still. Kein Schild, kein Applaus. Nur der Baum und seine eine Frucht – schimmernd wie ein Sonnenaufgang.
Der junge Mann pflückte sie – und in dem Moment,
in dem seine Finger sie berührten, wusste er:
Nicht die Frucht
war das Ziel.
Er selbst war es geworden.
Und während er lächelnd in das weiche Gold biss,
hörte er eine Stimme, die aus ihm selbst zu kommen schien:
„Du
warst bereit, den Preis zu zahlen. Deshalb bist du nun einer der
wenigen, die wirklich wissen, was möglich ist.“
Seitdem wird die Geschichte vom Goldbaum erzählt – nicht, um Mut zu machen, sondern um daran zu erinnern, dass wahrer Lohn weder leicht noch billig noch bequem zu haben ist.
Der Preis für das, was man sich wünscht, ist oft hoch – doch der, der ihn zahlt, erntet mehr als Gold.
Sonntag, 4. Mai 2025
Die Wunschschublade
In einem alten Haus, das nach Bücherstaub und warmer Schokolade roch, wohnte ein kleiner Junge namens Elias mit seiner Großmutter. Er war sieben, neugierig, und voller Fragen. Und wenn ihm etwas besonders wichtig war, sagte er es nicht nur – er schrieb es auf. Jeder Wunsch bekam seinen eigenen Zettel.
„Ein roter Drache mit goldenen Augen“, stand auf einem.
„Dass
Mama mich öfter besucht“, auf einem anderen.
Und einmal nur:
„Ich will wissen, warum Erwachsene so oft vergessen, was sie sich
wünschen.“
Diese Zettel sammelte Elias in einer alten Schublade in Großmutters Schreibtisch. Sie war schwer, klemmte manchmal, und roch ein bisschen nach vergangenem Leben. Seine Großmutter nannte sie „die Wunschschublade“ – und sie öffnete sie nie.
„Wünsche sind wie Samen“, sagte sie oft. „Manche brauchen lange zum Wachsen. Manche verlieren sich. Aber keiner ist je wirklich weg.“
Eines Tages fragte Elias sie direkt:
„Oma, was wünschst du
dir?“
Sie sah ihn lange an. Dann lächelte sie.
„Ich glaube, ich
habe verlernt zu wünschen.“
„Das geht?“, fragte Elias und riss erschrocken die Augen auf.
„Ja“, sagte sie leise. „Erwachsene nennen das dann ‚sich abfinden‘.“
Am nächsten Tag geschah etwas Seltsames. Die Wunschschublade war offen. Und darin lagen nicht nur Elias’ Zettel – sondern auch neue. Auf altem Papier, in einer verschnörkelten Handschrift.
„Einmal noch barfuß über eine Sommerwiese rennen.“
„Jemandem
sagen, was ich nie sagen konnte.“
„Wieder Kind sein.
Wenigstens für einen Tag.“
Elias erkannte die Schrift. Sie gehörte seiner Großmutter.
Er nahm die Zettel, faltete sie vorsichtig zusammen und
sagte:
„Dann wünsch ich jetzt für dich.“
Und als er die Worte sprach, schien es, als würde das Zimmer heller. Nicht vom Licht – sondern von einer Art Wärme, die von innen kam. Großmutter lachte – nicht laut, aber ehrlich. Es klang ein bisschen wie früher. Vielleicht sogar ein bisschen wie Sommer.
Seitdem wünschten sie zusammen. Immer wenn der Wind durch das Fenster wehte, schickten sie einen Zettel hinaus. Elias lernte: Wünsche sind nichts Kindisches. Sie sind Mut in Papierform.
Und seine Großmutter? Sie lernte, dass Wünsche, wenn man sie lange genug versteckt, zwar leise werden – aber nie ganz verstummen.
Samstag, 3. Mai 2025
Die Stadt der ungestellten Fragen
Eine Geschichte über das mutige Bitten und das kindliche Staunen
Es war einmal ein kleines Mädchen namens Mali, das mit großen, neugierigen Augen durch die Welt ging. Mali lebte in einer besonderen Stadt – einer Stadt, in der fast nie jemand laut fragte, was er sich wirklich wünschte. Die Erwachsenen in dieser Stadt waren freundlich, arbeiteten fleißig und gaben sich Mühe, niemandem zur Last zu fallen. Doch ihre Gesichter wirkten oft grau und müde, als hätten sie etwas verloren – oder nie wirklich gefunden.
Mali aber war anders. Wenn sie etwas wissen wollte, fragte sie. Wenn sie etwas wollte, sagte sie es. Wenn sie einen Wunsch hatte, rief sie ihn in die Welt hinaus – sei es ein drittes Stück Kuchen, eine Geschichte vor dem Einschlafen oder einmal auf dem Rücken eines echten Elefanten zu reiten. Ihre Eltern lächelten oft verlegen, wenn Mali vor Fremden rief: „Kann ich das haben? Darf ich das mal ausprobieren?“ Und wenn sie einen Wunsch äußerte, der besonders groß war, flüsterten sie: „Mali, das ist nicht möglich. So etwas fragt man nicht.“
Doch Mali hörte nicht auf. Sie hatte gehört, dass Wünsche nur dann eine Chance hatten, gehört zu werden, wenn man sie aussprach. Also fragte sie weiter – laut, leise, frech, liebevoll.
Eines Nachts – der Himmel war wolkenverhangen, und nur ein einziger Stern funkelte hell – wurde Mali von einer Stimme geweckt. Sie war zart und klang, als käme sie aus einem ganz anderen Teil der Welt. Oder aus einem sehr alten Buch.
„Mali“, sagte die Stimme, „du bist eingeladen in die Stadt der Erfüllung. Dort geschieht alles, was mutig genug gefragt wird.“
Neugierig wie sie war, stand Mali auf, zog sich ihre roten Gummistiefel über und folgte dem Licht des Sterns, der sich langsam über die Dächer bewegte. Er führte sie zu einem Tor, das nur zu sehen war, wenn man eine Frage im Herzen trug.
„Darf ich durchgehen?“, flüsterte Mali.
Das Tor öffnete sich.
Drinnen war es märchenhaft: Bäume trugen Früchte, die Geschichten erzählten. Tiere sprachen. Kinder lachten. Und in der Mitte stand ein großer goldener Brunnen – der Brunnen der echten Wünsche.
Ein alter Mann mit silbernem Bart saß daneben. „Nur wer fragt, erhält eine Antwort“, sagte er.
Mali warf ihren Wunsch hinein: „Ich möchte, dass die Erwachsenen in meiner Stadt wieder fragen lernen. Dass sie sagen, was sie sich wünschen – laut und ohne sich zu schämen.“
Der alte Mann nickte. „Ein mutiger Wunsch. Aber du musst ihnen zeigen, wie es geht.“
Am nächsten Morgen wachte Mali in ihrem Bett auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie geträumt hatte. Aber etwas hatte sich verändert.
Als sie am Frühstückstisch sagte: „Ich wünsche mir, dass wir heute alle barfuß tanzen!“, lachten ihre Eltern – und taten es.
Als sie im Park eine Frau fragte: „Was wünschen Sie sich ganz tief im Herzen?“, wurde diese ganz still. Dann antwortete sie: „Ich glaube... ich wünsche mir, noch einmal zu malen.“
Und als Mali begann, Menschen in ihrer Stadt jeden Tag eine einzige Frage zu stellen – „Was wünschen Sie sich wirklich?“ – begannen die Farben zurückzukehren. Die grauen Gesichter hellten sich auf. Manche lachten. Manche weinten. Manche fingen an zu träumen.
Und einige, die besonders mutig waren, begannen wieder zu fragen.
Moral der Geschichte:
Wünsche sind keine Last. Fragen sind keine Schwäche. Wer nicht fragt, bleibt stumm im Herzen. Doch wer sich traut, laut zu wünschen, erinnert andere daran, dass sie auch einmal Kinder waren.
Donnerstag, 1. Mai 2025
Das Land der Immergrüns
Es war einmal ein Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet war – das Land der Immergrüns. Dieses geheimnisvolle Reich war berühmt für seine Wälder, in denen die Bäume niemals ihre Blätter verloren, für Flüsse, die nie versiegten, und für Bewohner, die stets auf der Suche waren: nach dem Glück.
Inmitten dieses Landes lebte ein Mädchen namens Liora. Sie war mutig, klug und voller Sehnsucht. Seit ihrer Kindheit träumte sie von einem Leben auf dem Sonnenhügel, einem sagenumwobenen Ort am Rand des Immergrüns. „Wenn ich dort bin“, sagte sie sich immer wieder, „dann werde ich glücklich sein.“ Denn der Sonnenhügel, so erzählte man, erfülle einem jeden Wunsch – und dort, so glaubte Liora, würde sie endlich die Ruhe finden, die sie suchte.
Viele Jahre lang bereitete sich Liora auf ihre Reise dorthin vor. Sie studierte alte Karten, lernte Entscheidungen schnell zu treffen, ließ sich nicht mehr aufhalten von Zweifeln oder der Meinung anderer. Schließlich schnürte sie ihren Rucksack, nahm ein Notizbuch mit – für Erkenntnisse unterwegs – und machte sich auf den Weg.
Der Weg war lang und oft regnete es. Doch das störte Liora nicht, denn sie erinnerte sich: Regen war immer besser als Stillstand.
Unterwegs begegnete sie einem alten Mann, der unter einem Baum saß und lachend mit Ameisen sprach. „Warum eilst du so, junges Mädchen?“, fragte er.
„Ich bin auf dem Weg zum Glück“, sagte Liora. „Ich muss nur noch diesen Hügel erreichen, dann wird alles gut.“
Der Mann nickte langsam. „Ach, der Sonnenhügel. Viele suchen
ihn. Weißt du... auch ich war einst auf dem Weg dorthin.“
„Und
hast du ihn gefunden?“
„Oh ja“, sagte er lächelnd, „aber
nicht dort, wo ich ihn erwartet hatte.“
Verwirrt, aber unbeirrt setzte Liora ihren Weg fort. Tage wurden zu Wochen, und endlich stand sie auf dem Sonnenhügel. Die Aussicht war atemberaubend, das Licht goldgelb, der Wind weich wie Seide. Und doch... nichts geschah. Kein Wunder, kein Gefühl der Vollkommenheit. Nur eine leise Enttäuschung, ein Gefühl von Leere.
Sie setzte sich auf den Boden, holte ihr Notizbuch hervor und schrieb:
„Ich habe bekommen, was ich wollte – und doch... fehlt etwas.“
Da erinnerte sie sich an die Geschichte der alten Frau aus dem Dorf, die einst zu ihr sagte: „Manche suchen ihr ganzes Leben nach etwas, das sie bereits besitzen. Sie tragen das Glück in sich, erkennen es aber erst, wenn sie aufhören zu rennen.“
In diesem Moment fiel Liora auf, dass sie auf ihrer Reise so vieles erlebt hatte: das Lachen mit einem Fischer, das wärmende Brot einer alten Bäckerin, der Gesang der Nachtvögel. Alles war da gewesen – das Glück war unterwegs bei ihr gewesen, nicht am Ziel.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Nicht vor Trauer, sondern vor Dankbarkeit.
Sie schrieb:
„Glück ist nicht der Sonnenhügel. Es ist, barfuß durch Regen zu laufen. Es ist, eine warme Stimme zu hören. Es ist, zu atmen, zu lachen, zu fühlen – jetzt.“
Von diesem Tag an führte Liora jeden Morgen ein kleines Buch, in das sie schrieb, wofür sie dankbar war. Für jeden Sonnenstrahl, für jedes Lächeln, für jedes Lied, das der Wind ihr zuflüsterte. Und je mehr sie notierte, desto mehr schien das Leben ihr zu schenken. Die Farben wurden intensiver, die Stille friedlicher, ihr Herz leichter.
Liora blieb auf dem Hügel. Nicht weil er magisch war, sondern weil sie ihn verwandelt hatte – in einen Ort der Achtsamkeit, der Erinnerung daran, dass Glück keine Belohnung ist, sondern eine Entscheidung.
Und das Land der Immergrüns? Es wurde von jenem Tag an ein bisschen heller. Denn jedes Mal, wenn jemand innehielt, den Moment betrachtete und lächelte – war es, als wäre Liora ganz in der Nähe.
Dienstag, 17. Dezember 2024
Die Geschichte von Wissensriesen und Handlungszwergen
Die Dorfbewohner verbrachten ihre Tage damit, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, Vorträge zu halten und in ihren Notizbüchern endlose Pläne zu entwerfen. Sie wussten, wie man einen Brunnen baute, aber sie holten ihr Wasser immer noch vom Fluss. Sie kannten die besten Techniken, um fruchtbare Felder anzulegen, doch ihre Felder waren überwuchert von Unkraut. Sie hatten Anleitungen für alles – von der Kunst des Bogenschießens bis hin zur Astronomie – doch keiner griff zu Pfeil und Bogen, und die Sterne betrachteten sie lieber durch dicke Bücher als durch den Nachthimmel.
„Wir sind ein Dorf voller Wissensriesen!“, verkündete der Bürgermeister stolz. „Hier weiß jeder über fast alles Bescheid.“
Die Dorfbewohner sahen sich ratlos an. Eine alte Frau meldete sich schließlich zu Wort: „Wir teilen es natürlich miteinander. Wir lehren uns gegenseitig, diskutieren und wachsen daran.“
„Das ist lobenswert“, sagte der Wanderer. „Aber wie setzt ihr es in die Tat um?“
Der Wanderer lächelte sanft. „Wissen ohne Handeln ist wie ein Samen, der nie gepflanzt wird. Er mag voller Potenzial stecken, doch ohne Erde, Wasser und Sonne wird er nie wachsen. Darf ich euch etwas vorschlagen?“
Die Dorfbewohner nickten neugierig.
„Lasst uns morgen mit dem Bau eines Brunnens beginnen. Ich werde euch zeigen, wie man die Theorie in die Praxis umsetzt.“
Am nächsten Morgen trafen sich alle Dorfbewohner auf dem Marktplatz. Der Wanderer brachte Schaufeln, Seile und andere Werkzeuge mit, die er auf seinen Reisen gesammelt hatte. Gemeinsam gruben sie, maßen und planten, bis nach einigen Tagen der erste Brunnen des Dorfes fertiggestellt war. Das kühle Wasser, das aus der Tiefe sprudelte, war süßer als alles, was sie je vom Fluss geholt hatten.
Etwas veränderte sich in den Dorfbewohnern. Mit jeder Handlung wuchs ihr Selbstvertrauen. Sie begannen, ihre Felder zu bestellen, neue Häuser zu bauen und ihre Kinder nicht nur Wissen zu lehren, sondern auch praktische Fähigkeiten. Das Dorf blühte auf wie nie zuvor.
Der Wanderer zog weiter, doch er hinterließ eine wertvolle Lektion: Wissen ist der Samen, doch Handeln ist der Regen, der ihn zum Wachsen bringt.
Und so wurde das einstige Dorf der Wissensriesen und Handlungszwerge zu einer Gemeinschaft, die ihre Träume lebte, anstatt nur von ihnen zu sprechen.
Freitag, 24. Januar 2020
Die Bettlerin und die Rose
Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er (Rilke) um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück.
Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab zur Antwort: "Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand."
Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.
Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.
Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.
Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand.
"Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?", fragte die Französin.
Rilke antwortete: "Von der Rose..."
Montag, 21. Mai 2018
Der Brief der Mutter
- Erzählung nach einer wahren Geschichte
von Vitalij Polosow -
Mai 1943. An einem kühlen Tag hielt im Bahnhof Plesezkaja ein Zug. Als die Türen aufgingen, stiegen Frauen verschiedenen Alters aus: in Sommerkleidern, manche sogar barfuß. Sie ahnten gar nicht, dass hier Ende Mai noch Schnee liegen könnte. Es waren Deutsche aus Kasachstan. Sie kamen nicht aus freien Stücken hierher, sie kamen auf Beschluss der Regierung...
(Plesezker Tageszeitung, 28. Januar 2001)
Der Ort im Nordwesten Russlands, von dem obiger Zeitungsartikel spricht, ist Schauplatz einer realen Begebenheit, die Vitalij Polosow, einer der slawischen Autoren für LICHT IM OSTEN-Publikationen, zu einer Erzählung verfasste, die wir hier gekürzt wiedergeben.
Der Zug fuhr in Taintscha mit einer dreitägigen (!) Verspätung ab. Den Frauen, die am Bahnsteig im Freien auf den Zug warteten, kam dies schon als eine Erlösung vor. Körperlich und seelisch erschöpft empfanden sie diese Reise ins Ungewisse, die ihnen anfangs noch Angst gemacht hatte, nun als einen Segen. Kaum eingestiegen, fielen sie vor Müdigkeit buchstäblich um und schliefen sofort ein. Kaum jemand lief ans vergitterte Fenster, um von dem nicht gerade heimatlichen Land Abschied zu nehmen.
Aus der Ukraine, dem Wolgagebiet und dem Kaukasus verbannt, waren sie vor dem Krieg nach Kasachstan gekommen. Viele von ihnen hatten immer noch in provisorisch eingerichteten Unterkünften bei den einheimischen Kasachen bzw. in hastig ausgegrabenen Erdhütten gehaust. Und nun eine erneute Etappe. Erst unterwegs wurde ihnen mitgeteilt, dass sie in den Norden abtransportiert würden, um dort bei Archangelsk in Rüstungsbetrieben zu arbeiten.
"Na wenigstens nicht nach Tscheljabinsk. Das ist schon mal gut", atmeten sie erleichtert auf. So anspruchslos waren diese Fahrgäste.
Das schreckliche Wort "Tscheljabinsk" war überall gegenwärtig, weil die Zahl der Männer immer größer wurde, die in dieser Region bereits verschwunden waren. Die wenigen, die von dort aus der "Arbeitsarmee" entlassen wurden, starben in der Regel bald nach ihrer Heimkehr. Doch zu Hause sterben zu dürfen, ist schon an sich ein kleines Glück. Immerhin nicht in jenen namenlosen Abraumhalden, wo Menschen, vom Hunger getrieben, anfangen Gestein zu essen.
Beim Halt in Mamljutka stieg eine Frau zu. Auffallend vorsichtig hatte sie zwei Säcke in den Wagen gehoben. Tina, eine Reisende aus dem Waggon, eilte auf sie zu und griff nach einem der Säcke.
"Komm, ich helfe dir. Wir haben dort noch einen Platz frei."
"Oh, schön!", freute sich die Frau und reichte Tina aber schnell das Bündel. "Nimm lieber das hier! Die Säcke trag' ich selber." Sie trug einen Sack nach dem anderen mit größter Vorsicht hinüber.
Das entging nicht den wach gewordenen Nachbarinnen. "Na, Mädel, hast du etwa Kristall dabei", fragte spöttisch die älteste von ihnen, Erna.
"Oder vielleicht Gold?", kicherte die jüngere, Helga.
Bei diesen Worten band die Neuangekommene die Bänder von den Säcken auf und drückte ihre Hände flehend an die Brust: "Bitte, Mädels, verratet mich nicht. Da sind meine Kinder drin."
"?!"
In der erdrückenden Stille, die daraufhin entstand, hörte sich das Rattern der Räder wie eine herannahende, zunehmende Bedrohung an. Indessen kamen aus dem ersten und dann auch aus dem zweiten Sack zwei kleine Mädchen hervor. Dem Aussehen nach waren sie ein Jahr auseinander. Sie umringten sofort ihre Mutter und hielten sich an ihrem Rockzipfel fest. Ohne einen Ton von sich zu geben, drehten sie nur ihre Kinderköpfe hin und her. In ihren Augen war jedoch keine Angst, die unter diesen Umständen eigentlich natürlich gewesen wäre. Es war eher ein Staunen: Warum schauen uns diese Tanten so merkwürdig an?
"Mutter Gottes!", bekreuzigte sich Erna. "Was hast du da gewagt! Und wenn..." - sie sprach nicht zu Ende.
"Die werden es früher oder später doch herausbekommen", warf Helga ängstlich ein. "Dann kriegen wir's alle ab." "Werden sie nicht. Wir werden sie verstecken, bis wir an Ort und Stelle sind. Und dort wird Gott schon sorgen", entgegnete Tina.
"Ja, dort komme dann, was da wolle", nickte Rosa mit dem Kopf.
"Ja, komme, was da wolle..." hallte es kaum hörbar im ganzen Wagen.
Vorgreifend können wir sagen, dass die beiden Mädchen sich so verständig zeigten, dass in diesen ganzen elf Tagen nie auch nur ein Klagewort über ihre Lippen kam, lediglich die hungrigen Äuglein verrieten den wahren Zustand der kleinen Mädchen. Sobald jemand von der Bewachungsmannschaft im Wagen erschien, verschwanden die Kinder sofort im Haufen von Bündeln.
Rosa drückte die Mädchen an sich und sagte schüchtern: "Vielleicht wird Gott wirklich alles wohl machen!?" "Wenn du beten wirst, dann wird er ganz bestimmt für die Kleinen sorgen", versicherte ihr Tina.
Ihr ruhiger Ton wurde von den Frauen unterschiedlich aufgenommen: Die einen hörten auf ihren Zuspruch, die anderen ärgerten sich darüber.
"Ja, ja, bete, hol dir bloß keine Beule dabei, wenn du deinen Kopf zum Boden neigst", brummte Erna. "Wie sollten wir uns auf Gott verlassen, wenn alles von diesen Soldaten mit ihren Gewehren abhängt? Was die Befehlshaber ihnen sagen, das tun sie auch."
Eben deswegen sollten wir auch beten, dass Gott ihre Herzen milder stimmt. Ein guter Mensch wird nichts Böses tun."
"Wieso sollten sie auf einmal gute Menschen sein? Und überhaupt: Kann denn Gott alleine auf alle aufpassen? Gut, er mag einen Menschen milder stimmen, dafür kommt aber gleich ein anderer Böser an seine Stelle. Das Böse ist schon immer da gewesen. Das Böse hat sieben Köpfe wie ein Drache: Haust du einen Kopf ab, wächst sofort der nächste nach. Nein, ein Beil kann man nicht mit einer Peitsche zerschlagen."
"Gott verändert den Menschen nicht mit der Peitsche, sondern mit Liebe", sagte Tina lächelnd. "Weil Gott selbst die Liebe ist. Und die Menschen - sie sind auch nicht aus Eisen gemacht, es sind lebendige Menschen. Durch Peitschen wird niemand gütiger, höchstens noch böser. Erweist du ihm aber Liebe, wird er sich vielleicht auch verändern."
"Ach, Mädchen", winkte Erna ab. "Du hast zu Hause bestimmt niemanden zurückgelassen, dass du solche Ratschläge gibst."
"O doch, auch ich habe Kinder zurückgelassen", seufzte Tina und streichelte zärtlich über die Köpfe der Mädchen. "Genau solche zwei Töchterchen, drei und fünf Jahre, und der älteste Junge ist 10 Jahre alt."
"Bitte verzeih mir mein dummes Gerede", seufzte Erna schwer. "Wir werden hier alle schwer gepeinigt. Aber ich verstehe trotzdem nicht, wie dein Gott aus diesen Bestien gute Menschen machen kann. Und wer von ihnen wird sich schon verändern wollen?"
"Wer Gott hören wird, der wird auch wollen. Er wird's hören und verstehen, dass er für alles, was er auf Erden tut, Rechenschaft ablegen muss. Dann wird er auch über seine sündigen Taten Buße tun, um der ewigen Verdammnis zu entkommen. Diese Furcht Gottes ist es auch, die viele Menschen davon abhält, Böses zu tun..."
"Du sprichst aber merkwürdig", meldete sich Rosa. "Wie kann man Gott hören? Würde er etwa einfach so mit uns plaudern?"
"Er spricht zu uns durch sein Wort."
"Was für ein Wort?"
"Die Bibel", sagte Tina kurz und holte etwas aus ihrem Bündel.
Viele Frauen zogen sich bei diesem Wort auf ihre Plätze zurück. Doch einige blieben und sie kamen noch öfter auf dieser Fahrt zusammen, damit sie von Tina immer und immer wieder die biblischen Wahrheiten zu hören bekamen. Durch diese Gemeinschaft wurde die beschwerliche Reise versüßt und der Hunger verdrängt. Die Zeit verging schneller.
Bereits in der zweiten Nacht wurde Tina von Rosa geweckt. Tina sah oder spürte vielmehr, dass Rosa tränenüberströmt war.
"Tina", flüsterte Rosa, "sei mir nicht böse. Ich kann nicht einschlafen. Mein Herz ist so voller Glück! Ist es vielleicht der Herr, der mich ruft? Was soll ich tun?"
Tina kniete einfach auf den Boden und zog Rosa mit sich. Sie flüsterte ihr zu: "Bete, Rosa. Der Herr hat sich dir offenbart. Bitte ihn, dir zu vergeben und dich als sein Kind anzunehmen. Halte die Worte nicht zurück, sag ihm alles, was dir auf dem Herzen liegt!"
Und schon liegt Rosa selber auf dem Boden und schüttet schluchzend ihr Herz vor dem Herrn aus. Man hört nur immer wieder: "Vergib mir, Herr, vergib mir!"
Wie ein Echo rattern die Räder im Refrain: "Vergib-vergib, vergib-vergib", und verstärken so die Wichtigkeit des Wortes und des Augenblicks.
"So ist es, Herr, so ist es", kommt es immer wieder bestärkend auch von Tina, und sie sieht, dass einige andere Frauen sich neben sie niederknien und Gott ihr Herz ausschütten.
Ein wunderschöner, einzigartiger und gesegneter Augenblick der Buße. Dank sei Gott! Die frischgebackenen Schwestern in Christus konnten in dieser Nacht noch lange nicht einschlafen.
Die anderen Frauen zogen sich von ihnen zurück. Überhaupt bevorzugten sie, sich gesondert zu halten und ihre Lebensmittel mit niemandem zu teilen. Merkwürdigerweise gehörten ausgerechnet sie später zu den ersten Opfern des Hungerregimes der Arbeitsarmee. Bereits am Ende der Reise, als die Vorräte zu Ende gingen, waren viele von ihnen in kurzer Zeit so entkräftet, dass sie am Zielort aus dem Wagen getragen werden mussten. Und manch eine kam auch nicht wieder auf die Beine. Der Besitz von Lebensmitteln hatte ihnen einen bösen Streich gespielt. Die anderen aber, die ihr Essen mit anderen geteilt hatten und dann nichts mehr besaßen, hatten sich bereits unterwegs an den Hunger gewöhnt und konnten die Beschwernisse des Arbeitsarmee-Lebens besser ertragen. Wahrlich: "Einer teilt reichlich aus und hat immer mehr, ein anderer kargt, wo er nicht soll, und wird doch ärmer. Wer reichlich gibt, wird gelabt, und wer reichlich tränkt, der wird auch getränkt werden." (Spr 11,24.25)
Der Kommandant Iwan Karpow, ein eleganter, schneidiger Major Anfang 40, las zum x-ten Mal den Brief seiner Mutter, den er an diesem Morgen erhalten hatte. Es war eine Art Bekenntnisbrief. Allein die Tatsache, dass sie lebte, erfüllte sein Herz mit unbändiger Freude. Seit über einem Jahr, seit ihre Fabrik ins Landesinnere evakuiert worden war, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Wie sich herausstellte, war sie in Alma-Ata bereits schwerkrank aus dem Zug geholt worden. Sie blieb am Leben, nur weil eine gläubige Pflegehelferin sie aus dem Krankenhaus zu sich nach Hause genommen hatte und seitdem pflegte.
"Sie erzählte mir von Gott", schrieb die Mutter, "und ich fand zu ihm. Und dann hörte er unsere Gebete und heilte mich. Beeile dich, den Menschen Gutes zu tun, mein lieber Sohn, so wirst du die Gebote Christi erfüllen und er wird auch dich in seiner Gnade nicht im Stich lassen."
Es folgte ein Text aus der Bibel über die Wiederkunft des Menschensohnes in Herrlichkeit und darüber, wie der König die einen Menschen von den anderen aussondern wird.
Iwan überflog die Zeilen. Er sah nichts Ungewöhnliches darin, dass eine alte Frau zum Glauben gekommen war. In dieser schrecklichen Zeit haben sich viele, und nicht nur Alte, an Gott erinnert.
Rührend fand er ihre Bitte und die Naivität, mit der sie versuchte, ihn zu guten Werken zu animieren. "Ach, Mama", seufzte er, "wenn du wüsstest, wie wenig die Gütigkeit heute geschätzt wird. Manchmal möchte man ja gern gütig sein, aber das ist nichts für das hiesige Volk."
In diesem Moment stürzte ein aufgeregter Fahrdienstleiter, sein alter Freund Tomin, ins Zimmer. "Du, Wanja, bei uns ... da ist was los! Mit diesen deutschen Frauen ... Komm schnell, dann siehst du's selber!"
Beunruhigt eilte Karpow zum Bahnsteig. "Du meine Güte!", presste er mit heiserer Stimme hervor. "Das hat mir noch gefehlt." Zähneknirschend machte der Major einen Schritt in Richtung der Frau, und die ganze Reihe der angetretenen Frauen erstarrte.
Rosa aber drückte die Kinder an sich und sank betend auf die Knie.
Der Major blieb unschlüssig stehen. Das Bild einer betenden Frau erinnerte ihn sofort an den Satz aus dem Brief seiner Mutter und er hörte sie deutlich sagen: "Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan." (Mt 25,40) Aber er hatte diesen Satz doch nur ganz flüchtig gelesen. Wie konnte er sich ihm so eingeprägt haben? Und auch die Bitte der Mutter: "beeile dich, den Menschen Gutes zu tun", bekam plötzlich einen konkreten Bezug. Dem Major wurde klar, dass diese Nachricht nicht von ungefähr ausgerechnet heute gekommen war. Jetzt, in diesem Augenblick, würde sich entscheiden, auf welche Seite ihn der König einmal stellen wird. Und im nächsten Augenblick wusste er schon, dass er dieser Frau nur Gutes tun würde. Weil er auf die Blicke der kleinen Mädchen traf und in ihren Augen eine solch unkindliche, herzbeklemmende Bitte sah, beugte er sich unwillkürlich zu ihnen herab.
"Ihr habt eure Mutter wohl sehr lieb?", fragte er nur und lächelte, als er das energische Kopfnicken der Mädchen sah. Er fasste Rosa am Ellbogen: "Steh auf, Mutter. Du hast ihre Liebe verdient."
Er blickte sich um, rief die Wachsoldaten zu sich und befahl: "Führt sie zum Intendanten. Er soll ihr ein Einzelzimmer im Wohnheim geben und auch Lebensmittelkarten für die beiden Kinder. Zum Arbeiten soll er sie für die Hauswirtschaft einteilen."
Der Major sieht, wie sich die gebückten Rücken der anderen Frauen aufrichten und wie ein glückliches Lächeln ihre Gesichter erhellt, während sie etwas flüstern. Er glaubt sogar zu wissen, was es ist. Denn er hört das Flüstern von Rosa: "Dank sei Gott, er hört uns. Möge alles nach seinem Wort geschehen!"
Freitag, 4. Dezember 2015
Der Seestern
Ein kleines Mädchen stapfte am Strand entlang, hob vorsichtig Seestern für Seestern auf und warf sie wieder zurück ins Meer. Da kam eine ältere Frau vorbei und rügte das Mädchen: "Du dummes kleines Ding. Was du da machst ist völlig zwecklos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voll von diesen Seesternen ist? Du kannst sie sowieso nie alle zurück ins Meer werfen, was du hier tust bringt gar nichts!"
Das Mädchen blickte traurig auf die vielen Seesterne, die am Boden lagen und wo vermutlich viele sterben würden. Dann hob sie behutsam einen Seestern auf und warf ihn wieder zurück in das Wasser. Zu der Frau sagte sie: "Für diesen hier wird es etwas ändern."
Freitag, 5. Dezember 2014
Jesus und die Sünderin
Dienstag, 25. November 2014
Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
Es war fürchterlich kalt; es schneite und begann dunkler Abend zu werden, es war der letzte Abend im Jahre, Neujahrsabend! In dieser Kälte und in dieser Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen mit bloßem Kopfe und nackten Füßen auf der Straße. Sie hatte freilich Pantoffeln gehabt, als sie vom Hause wegging, aber was half das! Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt getragen, so groß waren sie, diese verlor die Kleine, als sie sich beeilte, über die Straße zu gelangen, indem zwei Wagen gewaltig schnell daher jagten. Der eine Pantoffel war nicht wieder zu finden und mit dem andern lief ein Knabe davon, der sagte, er könne ihn als Wiege benutzen, wenn er selbst einmal Kinder bekomme.








